Gemeinfrei
Annus Horribilis
Das übermäßige Verlangen nach Macht führte zum Fall der Engel; das übermäßige Verlangen nach Wissen führte zum Fall des Menschen: Aber in der Nächstenliebe gibt es kein Übermaß; weder Engel noch Menschen können dadurch in Gefahr geraten. Francis Bacon
NEAPEL und PALERMO – Wenn man Italien durchquert, von Friaul und Piemont bis zur Toskana, Umbrien, Rom und in den Süden – Neapel und Sizilien –, kann man sich des quälenden Gefühls nicht erwehren, dass eine erstaunliche anthropologische/kulturelle Blindheit das überlagert, was zweifellos der definitive Zivilisationsstaat des gesamten Westens ist und bleibt (ohne Konkurrenz).
Wie würde Godard, wenn er noch am Leben wäre, dieses Unbehagen filmisch umsetzen? Würde er Fritz Langs Neuinterpretation von Homers Odyssee in der Vila Malaparte auf Capri durchdringen [1], nur ohne Brigitte Bardots tödliche Schönheit? Leider sind all das nur Erinnerungen – Fragmente, die sich gegen unsere Ruinen stemmen, um T.S. Eliot zu zitieren.
Die Bühne in Trümmern hat heute sicherlich nichts Homerisches mehr an sich, mit dem Westen als mickrigem Geist mit aufgeblasenem Brustkorb, der sich in seiner eigenen Bedeutungslosigkeit, Oberflächlichkeit, sozialen Fragmentierung, Abwesenheit von Geist und Logos suhlt und seine Besessenheit von einem ewigen Krieg schürt – eine Tragödie, die wie ein Kinderspiel behandelt wird und nicht als das, was sie wirklich ist: ein Abgrund. Kein Wunder, dass Poseidon sich nicht um diese dummen Sterblichen schert.
In Gesprächen mit meinen italienischen Gastgebern, Freunden und neuen Bekannten wurde mir die Feigheit und der Mangel an politischem Scharfsinn der „herrschenden“ europäischen Klassen klar vor Augen geführt. Ebenso wie ihr fehlender Mut, den Aufstieg eines neuen multipolaren Jahrhunderts zu verstehen (so der Titel meines neuesten Buches, Il Secolo Multipolare [2], das Anfang dieses Monats in Italien erschienen ist).
Dieses künstliche „Europa“ will um jeden Preis ein politisch und wirtschaftlich erschöpftes Paradigma aufrechterhalten: einen archaischen, anachronistischen Status Quo, der es zum Schweigen zwingt, eine leere Hülle mit äußerst destruktiven Folgen.
Die blendende Schönheit der Costa Esmeralda zwischen Amalfi und Ravello kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass in der gesamten EU eine physische und metaphysische Leere herrscht, weil der Westen alles – sogar die Schönheit – zerstört und durch Nichts ersetzt hat. Der Nihilismus regiert.
Es ist jedoch ein oberflächlicher Eurozentrismus, zu glauben, dass das Chaos, das auf dieser kleinen westlichen Halbinsel Eurasiens herrscht, die Welt erschüttert. Eurasien – und Ostasien – leben in einer speziellen Dimension des Optimismus und der kulturellen Selbstbestätigung.
In Zukunft könnte Europa schließlich Paradigmen anderer Kulturen übernehmen und sie trotz allem sogar in einem Synkretismus der Akzeptanz absorbieren. So wie Europa seit Mitte des 18. Jahrhunderts der gesamten Globalen Mehrheit seine Paradigmen und „Werte“ aufgezwungen hat.
Der moralische Kollaps der westlichen „Zivilisation“
So war das Jahr 2025 im gesamten Westen in mehrfacher Hinsicht ein echtes Annus Horribilis. Zukünftige Historiker werden es als das Jahr in Erinnerung behalten, in dem die alte „Ordnung“, die auf leicht zu verdrehenden „Regeln“ basierte und jahrzehntelang die Welt beherrschte, als Organisationsprinzip zerbrochen ist. Auch wenn sie als Apparat weiterhin besteht. Die Institutionen „funktionieren“ sozusagen noch. Die Allianzen sind noch nicht zerfallen – noch nicht. „Regeln“ werden weiterhin herangezogen und verteidigt. Doch sie zeigen keine erkennbaren Auswirkungen.
Francesca Albanese fasste alles zusammen und verwies dabei auf das schrecklichste Beispiel für den vollständigen moralischen Zusammenbruch der westlichen „Zivilisation“:
„Ich hätte mir nie vorstellen können, dass europäische Staats- und Regierungschefs sich gegen ihre eigenen Bürger wenden würden – indem sie Proteste, freien Journalismus und akademische Freiheit unterdrücken –, nur um einen Völkermord begehenden Staat nicht zur Rechenschaft ziehen zu müssen.“
Ja: Geschichte kündigt sich selten als Barbarei an. Oftmals zeigt sie sich getarnt als „Zivilisation“.
Was wir jetzt haben, ist eine geschmacklose, wahllose Landnahme durch die US-zionistische Achse, die auf kriminelle Weise eine neue Normalität schafft – von der „westlichen Hemisphäre“ (Venezuela ist nur der Anfang) bis nach Westasien (Palästina, Libanon, Syrien) und bald möglicherweise auch Grönland.
US-amerikanische Thinktanks glauben tatsächlich, dass die Kontrolle über Grönland, abgesehen von der offensichtlichen imperialistischen Aneignung zusätzlicher natürlicher Ressourcen, die russische Nordostpassage beeinträchtigen könnte – die von den Chinesen als „Arktische Seidenstraße“ bezeichnet wird.
Nicht geoökonomisch, aber sicherlich militärisch: Grönland könnte in diesem Fall zu einem idealen Stützpunkt für amerikanische ISR-Ressourcen (Intelligence, surveillance and reconnaissance – Geheimdienst, Überwachung und Aufklärung, Anm. d. Red.) werden, um die Europäer in ihrem ewigen Krieg in der Ukraine zu „unterstützen“ – also hinter den Kulissen zu lenken – und um China zu bedrohen.
Im Wesentlichen wäre dies eine Ablenkungsstrategie, um in der strategischen Partnerschaft zwischen Russland und China eine Politik des „Teile und herrsche“ zu etablieren, während Trump 2.0 die dringend benötigte Zeit gewinnt, um den amerikanischen militärisch-industriellen Komplex umzugestalten und zu modernisieren und den Technologiekrieg an der KI-Front zu führen.
Der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt – der Technologieunternehmen kontrolliert, die direkt in den Ukraine-Krieg gegen Russland verwickelt sind – ist besessen vom KI-Wettlauf. Die großen Technologieunternehmen in den USA gehen davon aus, dass dieser Wettlauf bis zum Jahr 2040 entschieden sein wird (die Chinesen sind sich sicher, dass dies viel früher der Fall sein wird). Der Gewinner wird dann seine Spuren im 21. Jahrhundert hinterlassen. Der Einsatz könnte nicht höher sein: Im Wesentlichen handelt es sich um einen Wettlauf zwischen der Hegemonie der USA und der von Russland und China vorangetriebenen multinodalen, multipolaren Welt.
Herr Oreshnik ist bereit, Visitenkarten zu verteilen
Im Jahr 2025 dauerten die Ewigen Kriege erwartungsgemäß unvermindert an. Die Ukraine und Gaza verwandelten sich in denselben Krieg.
Was die Ukraine betrifft, so wird das Theater der „Friedensverhandlungen“ auch 2026 weitergehen. Die Fakten vor Ort sind jedoch unveränderlich. Russland wird seinen stetigen militärischen Vormarsch fortsetzen. Moskau wird die ukrainische Infrastruktur zunehmend zerstören. „Europa“, von innen heraus zerbrochen, ist ein toter Kontinent. Die USA werden keine zusätzlichen Waffen liefern. Moskau hat es absolut nicht eilig, da es kaltblütig kalkuliert hat, dass der Westen sich eher früher als später selbst erschöpfen wird.
Russland kann innerhalb weniger Minuten die gesamte Führung der „kriminellen Organisation“ in Kiew und darüber hinaus, einschließlich der NATO/MI6-Handlanger, Oreshniken, ausschalten. Wie Andrei Martyanov feststellte, scannen russische Satelliten der Resurs-Serie rund um die Uhr die Erdoberfläche „mit einer Auflösung, die es ermöglicht, jeden überall zu verfolgen“ und „Zielerfassung zu liefern“. Warum also nicht den Kopf der Schlange ausschalten? Weil „Europa sich selbst und 404 besser umbringt, als sich die Russen jemals hätten vorstellen können.“ (Anm. d. Red.: Mit 404 ist die Ukraine gemeint. Die Fehlermeldung 404 bedeutet: Ein Totlink zu einer Website, die nicht erreichbar ist.)
Unterdessen hat die russische Schneckentaktik in Kombination mit der Hackmaschinentechnik bereits nach und nach das ausgedehnte Bunkersystem der NATO im Donbass, das der Maginot-Linie überlegen war, ausgeschaltet. Diese Methoden erzielten ein Tötungsverhältnis von zehn zu eins zugunsten Russlands im Verhältnis zur Ukraine. Das ist eine weitere unveränderliche Tatsache auf dem Schlachtfeld. Nur unverbesserliche Narren verspotten Russland als „langsam” und „schwach”. Die Schneckenoffensive wird sich bis ins Jahr 2026 erstrecken.
Was den ewigen Krieg betrifft, so ist er mittlerweile ein Monopol der europäischen Banken und Finanzwelt.
Plan A – ohne Plan B – bestand immer darin, Russland eine strategische Niederlage zuzufügen. Er ist kläglich gescheitert – und die Verluste sind immens. Nun kommt endlich Plan B ins Spiel, der gar kein Plan ist: Es ist Krieg, der – wie Diamanten – ewig währt. Als Mittel, um diese unvorstellbaren versunkenen Kosten wieder hereinzuholen, die – unbezahlbaren – europäischen Schulden umzustrukturieren und weitere Finanzbetrügereien zu rechtfertigen, die als „Sicherheit“ bezeichnet werden.
Im Zweifelsfall konsultieren Sie Empedokles
Zurück zum Kabuki-Theater. Die neue amerikanische Taktik, die bis Ende 2025 umgesetzt sein soll, besteht im Wesentlichen darin, Europa – das bereits eine geopolitische Leiche ist – fallen zu lassen und zu versuchen, Russland mit ein paar diplomatischen/wirtschaftlichen Karotten zu „verführen“, die den Anschein erwecken, für beide Seiten vorteilhaft zu sein, während gleichzeitig Moskau davon überzeugt werden soll, dass Washington sich in die multipolare Welt integrieren wolle.
Sowohl Moskau als auch Peking sind schlau genug, um zu erkennen, was für ein fieses Spiel hier gespielt wird. Sie werden dabei mit äußerster Vorsicht vorgehen – und synchron.
Russland wird einen taoistischen Höhepunkt der Geduld erreichen und erklären, dass es immer zu Verhandlungen bereit war – jedoch nur unter Berücksichtigung der Tatsachen auf dem Schlachtfeld, unter gründlicher Auseinandersetzung mit den Ursachen des Dramas zwischen NATO, Ukraine und Russland und mit dem Ziel einer Einigung, die dem massiven Proxy-Betrug der NATO endgültig ein Ende setzt.
Die europäischen Schafsköpfe ihrerseits werden weiterhin konzeptionellen Unsinn produzieren und Putins Projekt als „prometheisch“ und „ideologisch“ bezeichnen. Unsinn. Es geht um gegenseitigen Respekt und die Unteilbarkeit der Sicherheit.
Die nationale Sicherheitsstrategie der USA wird unterdessen ihre hybriden Kriegsangriffe auf ausgewählte, als schwach empfundene Knotenpunkte des Globalen Südens fortsetzen – insbesondere auf die „westliche Hemisphäre“, also die Karibik und Lateinamerika.
Umso wichtiger ist es für die BRICS-Staaten, endlich gemeinsam zu handeln – lange vor dem jährlichen Gipfeltreffen in Indien Ende 2026. Die BRICS-Staaten müssen alle wirtschaftlichen/finanziellen Experimente in dem von mir zuvor als „BRICs-Labor“ bezeichneten Projekt vorantreiben, um ein wirklich alternatives, vom Westen unabhängiges Zahlungssystem aufzubauen, das frei von den westlichen Sanktionen ist.
Russland, Indien und China bilden endlich wieder das ursprüngliche „RIC“-Primakov-Dreieck, mit ihren ineinandergreifenden strategischen Partnerschaften und ihrer ständig wachsenden Zusammenarbeit in den Bereichen Handel, Landwirtschaft, Technologie und De-facto-Entdollarisierung (das muss man nicht extra erwähnen). Die BRICS-Staaten produzieren bereits über 42% des weltweiten Erdöls, kontrollieren über 20% – Tendenz steigend – der Goldreserven (Russland und China haben 14% – Tendenz steigend) und machen über 30% des globalen BIP aus.
Zurück zum Licht am Ende des dunklen westlichen Tunnels: Italien. Vor nur zwei Monaten hielt der Großmeister der Philosophie Massimo Cacciari einen meisterhaften Vortrag in Agrigent [3] – der italienischen Kulturhauptstadt 2025. Empedokles, der griechische Vorsokratiker, wurde in der Nähe geboren. Empedokles prägte die kosmogonische Theorie der vier klassischen Elemente – Luft, Wasser, Erde und Feuer –, die von Liebe und Streit unaufhörlich miteinander vermischt werden.
Empedokles, der unter anderem vom großen Heraklit und Parmenides beeinflusst war, beeinflusste letztendlich niemand Geringeren als Aristoteles, Nietzsche, Hölderlin und Francis Bacon.
Wir sollten wie Bacon – wie Cacciari über Empedokles‘ Lehren bemerkte – umlernen, um das angloamerikanische Dogma der Positivität besser dekonstruieren zu können: jene Zauberformel, die ungezügelten Konsumismus und die Vermarktung des Lebens hervorgebracht hat, endlos kopiert und wiederkopiert von der Peripherie des Imperiums des Chaos – wodurch jede ethische, philosophische, semantische, soziologische, historische und politische Reflexion über Begriffe wie „Demokratie” und „Freiheit” eliminiert wurde.

Darstellung von Empedokles in der Nürnberger Chronik von Hartmann Schedel, 1493 (Bild: Wikimedia Commons, gemeinfrei)
So viel zu tun, so wenig Zeit. Möge 2026 das Jahr der Wiedergeburt der Vorsokratiker werden. Und auch das Jahr der Wiedergeburt des Coolen: Reflexion, Selbstbeobachtung, Stille, die Suche nach innerem Gleichgewicht und, wenn Musik gebraucht wird, eine Umgebung, physisch und mental, die dem japanischen Jazz-Kissa-Ethos entspricht.
Da wir nun ein Annus Horribilis hinter uns lassen, lasst uns den Mann des Jahres feiern, der es weniger schrecklich gemacht hat: Ibrahim Traore aus Burkina Faso. Ein schönes Sprichwort macht derzeit in ausgewählten intellektuellen Kreisen des historisch multipolaren Siziliens die Runde: Wir wollen der Norden von Burkina Faso sein, nicht der Süden von Litauen. Gesegnet sei all diese Weisheit der Magna Grecia, Mare Nostrum.
Dieser Text wurde zuerst am 31.12.2025 auf www.strategic-culture.su unter der URL <https://strategic-culture.su/news/2025/12/31/annus-horribilis/> veröffentlicht. Lizenz: Pepe Escobar, Strategic-Culture, CC BY-NC-ND 4.0
Quellen:
[1] YouTube, Leon Grin, „Le mepris (1963)“, <https://www.youtube.com/watch?v=yXnRj6Q9uNs>
[2] Anteo EdizioniPepe Escobar, Buch: „IL SECOLO MULTIPOLARE“, 2025, <https://www.anteoedizioni.eu/negozio/continenti/il-secolo-multipolare/>
[3] YouTube, Sphairos – Incontri filosofici, „Massimo Cacciari: „Gli antichi e Noi“ – Sphairos 2025“, am 11.12.2025, <https://www.youtube.com/watch?v=8aFMzeGXWFo>




