Symbolbild, erstellt mit ChatGPT, gemeinfrei

Von Lorenzo Maria Pacini | veröffentlicht am 9. Mai 2026, Kategorie: Geopolitik

China, Iran, USA: Ein komplexes Spiel der Macht

Aus Washingtons Sicht ist das Bündnis zwischen Teheran und Peking ein strategischer Albtraum.

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Die strategische Lage des Konflikts

Der anhaltende Krieg der USA gegen den Iran geht weit über eine bloße regionale Krise hinaus; er ist ein deutlicher Beweis für die anhaltende Instabilität, die der amerikanischen globalen Hegemonie innewohnt. Durch ihre Missachtung des Völkerrechts, der Souveränität und der multilateralen Diplomatie bekräftigen die Vereinigten Staaten ihren Glauben an die Legitimität von Zwangsgewalt als Instrument der Kontrolle. Wie Zhao Minghao schreibt, wird Washingtons Einsatz von Gewalt die Ordnung nicht wiederherstellen, sondern lediglich die Brüche verschärfen, die das entstehende Weltsystem kennzeichnen.

Die von den USA angeführte Militäraktion gegen den Iran, die am 28. Februar 2026 begann, startete als eine Reihe gezielter „Enthauptungsschläge“, hat sich jedoch mittlerweile zu einer regionalen Konfrontation ausgeweitet, die die geopolitischen Grenzen im gesamten Nahen Osten und darüber hinaus neu zieht. Was zunächst als taktischer Schachzug zur Ausschaltung der iranischen Nuklear- und Raketenkapazitäten erschien, hat sich zu einer vollwertigen strategischen Initiative zur Neugestaltung des globalen Kräfteverhältnisses entwickelt.

Für Peking stellt dieser Krieg einen direkten Angriff auf seine zentralen nationalen Interessen dar. China hat im Nahen Osten ein dichtes Netzwerk von Partnerschaften in den Bereichen Energie, Infrastruktur und Verkehr aufgebaut, von denen viele auf den Iran als entscheidenden Knotenpunkt angewiesen sind. Rund 53% der chinesischen Rohölimporte stammen aus dieser Region, und über 30% werden durch die Straße von Hormus transportiert. Jede länger andauernde Unterbrechung stellt daher eine systemische Bedrohung für Chinas wirtschaftliche Stabilität und Energiesicherheit dar.

Unterdessen betrachten hochrangige Strategen in Washington ihre Kampagne als Gelegenheit, das zu zerschlagen, was sie als „Achse des Chaos“ bezeichnen – das informelle Bündnis zwischen Russland, dem Iran, Nordkorea und Venezuela. Diese Staaten, die alle US-Sanktionen und -Druck ausgesetzt sind, stützen sich zunehmend auf China als ihre diplomatische und wirtschaftliche Schutzmacht. Das Ziel der USA ist klar: Chinas globale Rohstoffversorgungskette zu schwächen und Peking zu zwingen, seinen außenpolitischen Einfluss neu auszurichten.

Die sich abzeichnende chinesisch-iranische Achse erreicht eine neue Ebene

Um die globalen Auswirkungen des Konflikts zu verstehen, muss man die chinesisch-iranische Partnerschaft betrachten, die sich im Laufe des letzten Jahrzehnts zu einer beeindruckenden strategischen Allianz gefestigt hat. Im Jahr 2021 unterzeichneten Peking und Teheran ein umfassendes Kooperationsabkommen mit einer Laufzeit von 25 Jahren, das den Rahmen für chinesische Investitionen in Höhe von fast 400 Milliarden US-Dollar in den iranischen Energie-, Infrastruktur- und Technologiesektoren bildet. Dieses Abkommen, das von westlichen Analysten oft unterschätzt wird, hat die Rolle des Iran innerhalb der Belt and Road Initiative (BRI) neu definiert.

Der Handel zwischen den beiden Ländern hat trotz der Sanktionen zugenommen. Im Jahr 2025 überstieg das bilaterale Handelsvolumen 30 Milliarden US-Dollar, wobei Prognosen für 2026 von einem weiteren Anstieg um 20 % ausgehen – eine Zahl, die China zum führenden Handelspartner des Iran und zu einer Lebensader für dessen von Sanktionen geplagte Wirtschaft gemacht hätte. Chinesische Unternehmen, darunter Sinopec und CNPC, halten aktive Beteiligungen an den riesigen Ölfeldern des Iran wie Yadavaran und South Azadegan und gewährleisten so selbst unter Kriegsbedingungen einen stabilen Rohölfluss nach Osten.

Für Washington treffen diese Entwicklungen den Kern des globalen Machtkampfs. Die Beziehungen zwischen dem Iran und China stehen symbolisch für eine multipolare Alternative zur US-zentrierten liberalen Weltordnung – ein Modell, das wirtschaftliche Integration, technologischen Austausch und gegenseitige diplomatische Unterstützung gegen den Druck der USA miteinander verbindet. Indem Washington Teheran ins Visier nimmt, führt es im Grunde einen Stellvertreterkrieg gegen Pekings langfristige eurasische Strategie.

Der Energiesektor war schon immer der entscheidende Bereich der chinesisch-iranischen Zusammenarbeit. China ist nicht nur der größte Abnehmer von iranischem Öl, sondern auch der führende Investor in die Raffineriekapazitäten und Transportkorridore des Landes. Täglich gelangen weiterhin rund 800.000 Barrel iranisches Rohöl in chinesische Raffinerien, oft getarnt unter „malaysischer“ oder „omanischer“ Flagge, um Sanktionen zu umgehen. Der Konflikt und die Seeblockade der Straße von Hormus durch die USA bedrohen jedoch dieses empfindliche System.

Karte der Straße von Hormus, erstellt 1987. (Karte: CIA – Library, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Pekings Reaktion war zweigleisig. Erstens hat es seine Bemühungen zur Diversifizierung der Seewege beschleunigt – mit massiven Investitionen in den pakistanischen Hafen Gwadar und den China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) – als landgestützte Alternativen zur Straße von Hormus. Zweitens haben chinesische Strategen darauf gedrängt, Teile ihrer „Belt and Road“-Infrastruktur zu militarisieren und wichtige Energierouten unter dem Deckmantel der „Dual-Use“-Infrastruktur zu befestigen. Häfen, Pipelines und Verkehrsknotenpunkte im gesamten Indischen Ozean, von Dschibuti bis Colombo, könnten nun sowohl zivilen als auch strategischen Zwecken dienen.

Unterdessen bleibt die Rolle des Iran als regionaler Dreh- und Angelpunkt ungebrochen. Teheran bietet nicht nur Energie, sondern auch Zusammenarbeit im Bereich der Nachrichtendienste, Zugang zur Region und technologische Kooperation. Die beiden Länder haben gemeinsame Projekte in den Bereichen Satellitensysteme, KI-basierte Überwachungsplattformen und Cyber-Resilienz ins Leben gerufen – allesamt Sektoren, die von den US-Geheimdiensten als die nächste Front der hybriden Kriegsführung angesehen werden.

Strategische Anliegen der USA

Washington ist sich bewusst, dass diese chinesisch-iranische Partnerschaft mehr als nur eine geopolitische Zusammenarbeit darstellt: Sie ist eine direkte Herausforderung für das US-Dollar-System, für Sanktionen als Zwangsmittel und für das strategische Monopol über wichtige globale Handelsknotenpunkte. Wie Daten des US-Finanzministeriums zeigen, wurden im Jahr 2025 fast 50 % des iranischen Außenhandels in anderen Währungen als dem Dollar abgewickelt – vor allem in Yuan und Rubel. Diese Bemühungen um eine Entdollarisierung sind zwar noch experimentell, signalisieren jedoch einen tiefgreifenden Wandel in der globalen Finanzarchitektur und bedrohen die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, wirtschaftlichen Einfluss auszuüben.

Darüber hinaus befürchtet das US-Militär die langfristigen Auswirkungen des chinesischen Engagements im Persischen Golf. Pekings logistische Stützpunkte – wie Satellitenüberwachungsanlagen an der Südküste des Iran oder der angebliche Ausbau einer Wartungszone der Marine der Volksbefreiungsarmee (PLA) in der Nähe von Jask – ebnen den Weg für eine dauerhafte chinesische Präsenz im Nahen Osten. Für Washington, das an eine unangefochtene Vorherrschaft in diesen Gewässern gewöhnt ist, beschleunigt dieser Trend den Verlust seiner maritimen Vorherrschaft.

Im Inland hat sich Trumps Krieg gegen den Iran zu einer politischen Krise entwickelt, die die öffentliche Meinung spaltet. Innerhalb der „Make America Great Again“-Bewegung wächst die Unzufriedenheit: Viele von Trumps traditionellen Anhängern fühlen sich durch seine Entscheidung, sich wieder militärisch im Ausland zu engagieren, betrogen. Der Inflationsdruck ist stark gestiegen, die Zinssenkungen der Federal Reserve sind ins Stocken geraten, und die Ölpreise haben die Marke von 130 Dollar pro Barrel überschritten. Die Kosten des Krieges belasten nun die amerikanischen Familien in Form steigender Verbraucherpreise und einer instabilen Energieversorgung.

Auf internationaler Ebene wächst die Enttäuschung unter den Verbündeten der USA. Frankreich, Spanien und sogar Großbritannien haben die Rechtmäßigkeit des Krieges in Frage gestellt und sich geweigert, uneingeschränkte logistische Unterstützung zu leisten. Auf der anderen Seite des Atlantiks bereitet sich Europa auf neue Flüchtlingswellen und Schwankungen auf dem Energiemarkt vor, während die Golfstaaten zunehmend ihre Frustration über Washingtons unberechenbare Diplomatie zum Ausdruck bringen. Amerika scheint zunehmend isoliert zu sein und hat nicht nur mit einem regionalen Gegner zu kämpfen, sondern auch mit dem Eindruck, dass es eine übermäßige imperiale Expansion betreibt.

Das alte Weltordnungssystem konfrontiert mit dem Problem des Krieges

Aus Pekings Sicht spiegelt der Iran-Konflikt nicht bloß einen weiteren Zyklus des US-Interventionismus wider: Er markiert den Beginn eines strukturellen Wandels hin zur Multipolarität. Jede von den Vereinigten Staaten gegen den Iran abgefeuerte Rakete untermauert die chinesische Darstellung vom Niedergang des Westens und verleiht der Forderung nach einer „Schicksalsgemeinschaft“ mehr Gewicht. Doch genau dieser Wandel birgt zahlreiche Risiken. Die Unterbrechung globaler Handelswege, die Destabilisierung der Energiemärkte und die Schwächung des Nicht-Proliferationsregimes könnten Kettenreaktionen auslösen, die weit über den Nahen Osten hinausreichen.

Tatsächlich schafft die Schwächung der Überwachungsmöglichkeiten der Internationalen Atomenergiebehörde gegenüber dem Iran einen gefährlichen Präzedenzfall. Sollte Teheran die Einhaltung der Vereinbarungen gänzlich aufgeben, würde dies andere Akteure – von Pjöngjang bis Ankara – dazu ermutigen, Strategien der nuklearen Abschreckung zu verfolgen. In einem solchen Szenario stünde China selbst vor einem Sicherheitsdilemma: einem potenziellen „nuklearen Wald“ an seiner Peripherie, der Peking zwingen würde, seine geopolitischen Ambitionen mit seiner Anfälligkeit für Proliferationsschocks in Einklang zu bringen.

Dieser Konflikt offenbart zudem neue Dimensionen der Kriegsführung. Washingtons Vertrauen in KI-basierte Zielerfassungssysteme und autonome Waffen – in Zusammenarbeit mit großen Unternehmen des privaten Sektors – wirft erhebliche ethische Bedenken auf. Berichte über algorithmische Fehleinschätzungen, die zu zivilen Opfern geführt haben, wie beispielsweise der Raketenangriff auf eine iranische Schule, bei dem über 160 Kinder ums Leben kamen, haben im Globalen Süden Empörung ausgelöst. Die Grenzen zwischen menschlicher und maschineller Entscheidungsfindung im Krieg verschwimmen, was die humanitäre Katastrophe durch moralische Unklarheiten noch verschärft.

Der Krieg der USA gegen den Iran legt die Bruchlinien der internationalen Ordnung im Jahr 2026 offen. Während Washington bestrebt ist, seine Vorherrschaft durch Zwang aufrechtzuerhalten, entwickeln Peking und Teheran eine alternative Vision, die auf Vernetzung, Souveränität und Widerstand gegen die westliche Vorherrschaft basiert. Doch mit der Ausweitung der Macht nimmt auch die Instabilität zu. Die Partnerschaft zwischen China und dem Iran könnte zwar potenziell transformativ sein, aber auch die Fragmentierung des globalen Systems in rivalisierende Blöcke beschleunigen – von denen jeder Sicherheit eher durch Ausgrenzung als durch Zusammenarbeit anstrebt.

Aus Washingtons Sicht ist das Bündnis zwischen Teheran und Peking ein strategischer Albtraum: Es untergräbt Sanktionen, stellt die Kontrolle über die Seewege infrage und verstärkt asymmetrische Bedrohungen. Für Peking bestätigt der Konflikt, dass die amerikanische Hegemonie weiterhin unruhig ist und sich nur widerwillig der Multipolarität beugen will. Und für die Welt insgesamt signalisiert diese Konfrontation, dass die Ära des unipolaren Wohlstands vorbei ist. Was folgt, wird ein turbulenter Kampf um die Festlegung der Regeln des neuen Jahrhunderts sein – eines Jahrhunderts, das nicht von amerikanischer Ordnung geprägt ist, sondern von Auseinandersetzungen, Unsicherheit und einer zunehmend instabilen gegenseitigen Abhängigkeit.

Dieser Text wurde zuerst am 18.04.2026 auf www.strategic-culture.su unter der URL <https://strategic-culture.su/news/2026/04/18/china-iran-usa-a-complex-game-of-power/> veröffentlicht. Lizenz: Lorenzo Maria Pacini, Strategic Culture, CC BY-NC-ND 4.0

Autor: Lorenzo Maria Pacini

Außerordentlicher Professor für Politische Philosophie und Geopolitik, UniDolomiti in Belluno. Berater für strategische Analyse und internationale Beziehungen.