Symbolbild: PxHere, CC0
Das Spiel mit Schuld und Scham
Es mag zahlreiche Aspekte über Ziele und Zwecke der Sanktionen gegen Publizisten geben. Ganz sicher gehört dazu, sie und eine ganze Berufsgruppe einzuschüchtern.
Nicht weniger Zielobjekt ist aber der zum Untertan gemachte Bürger, die Abschaffung des Citoyen, des eingreifenden, verantwortlichen, antwortenden Bürgers. Seine Ohnmacht und Verletzlichkeit wird ihm vorgeführt. Nicht neu, aber eine Erinnerung in aller Massivität und Deutlichkeit. Wir sehen:
- die Bereitschaft zur Existenzvernichtung mit erheblicher sozialer Kälte, insbesondere in die Medienwelt hinein. Diese wird auf Vordermann und Regierungskurs gebracht. Jeder soll sich überlegen, ob er oder sie so enden will wie Baud, Dogru u.a.
- die Unterminierung und Destabilisierung des Charakters des ganz normalen Bürgers und potenziellen Unterstützers – also jedermanns Charakter ist gemeint. Die Sanktionen sind ein Angriff auf die Anständigkeit des normal erzogenen Bürgers, auf den common sense. Die Sanktionierer missachten die natürliche Fähigkeit des Menschen zu sozialem Handeln, zu Mitgefühl, also erleben wir einen Angriff auf die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen und in seine Lage hineinzuversetzen. Es handelt sich um einen Angriff auf die allgemeinste Grundlage menschlicher Existenz.
- Die Sanktionen sind ein Bruch bisherigen Staats- und Demokratieverständnisses. Sie sind eine drastische Erziehungsmaßnahme: Handle nicht menschlich, sozial, verantwortlich, sondern unterwerfe dich der Obrigkeit.
- Da diese Linie (zunächst) nicht in großer Öffentlichkeit gezeigt wird, scheint es so, als ginge das normale Leben weiter. Im Hintergrund ist die drastische Drohung und ihre exemplarische Umsetzung jedoch wirksam. Sie fressen sich durch die Reste der „demokratischen Seele“. Bis jeder weiß, was Sache ist.
- Viele Menschen werden solche Regierungspolitik verachten, als undemokratisch betrachten – aber sie haben auch Angst um ihren eigenen Lebensplan, den ihrer Kinder etc. Unter diesen widerstrebenden Regungen sehen sich die Menschen in eine Lage gezwungen, die sie ihre eigene Korrumpierbarkeit erkennen lässt. Was sie beschämt und sie sich schuldig fühlen lässt. Damit lässt sich nicht gut leben.
- Die eigene Beschämung, die Schuldgefühle werden vermutlich bei den meisten Menschen verdrängt, abgewehrt, ausgeblendet. Man versucht, seinen Alltag möglichst unversehrt zu überstehen. Das ist vielleicht noch die mildeste Variante.
- Eine andere Reaktions- und Verarbeitungsmöglichkeit ist, sich mit den Mächtigen und mit der Macht zu identifizieren, sie zu lieben und eigene „Stärke“ aus dem Bündnis mit der Macht zu ziehen. Das kann Karriere, Einfluss, Einkommen, Ansehen ermöglichen und beflügeln.
- so rekrutiert die Herrschaft, das Regime seine Follower – ggf. gnadenlose, sozial kalte Menschen.
- Das neue Sanktionsregime ist ein Angriff auf das uns bekannte Rechtssystem. Rechtssysteme sind letztlich immer Konventionen, entstanden aus gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Wir erleben, dass sich neue Machtverhältnisse ergeben (sollen) und neues „Recht“ entsteht. So ist der Plan elitärer Gruppen. Ihnen ist nur mit politischer Gegenwehr beizukommen.
- Das System der Zwänge, der Erzeugung von Scham, Schuld und Angst knüpft an das Muster der Corona-Maßnahmen an.
Lizenz: Jürgen Mietz, Free21, CC BY-NC-ND 4.0




