Symbolbild: PxHere, CC0

Von Jürgen Mietz | veröffentlicht am 21. Juli 2026, Kategorie: Gesellschaft & Geschichte

Deutschland, Fußball und kollabierende Systeme

Wieder einmal: Fußball als Gesellschaft

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Es sollte nur schön werden, ein Sommermärchen war bestellt worden. Wir wollen ein wenig träumen. Das wird doch wohl noch möglich und erlaubt sein, wo wir so viele Opfer bringen vom Wirtschaftsniedergang bis zur Schenkung von Milliarden an die Ukraine und für die Aufrüstung. Wir strengen uns doch so an!

Von der Wirklichkeit wollen wir nicht wirklich etwas wissen, die überlassen wir der Politik und den Medien. Gerade deshalb haben wir uns das Träumen verdient. Und nun das. Aus allen Träumen sind wir gerissen. Als Hauptschuldiger ist der Trainer ausgeguckt. Und die Spieler sind so gar nicht kreativ, wie man es von ihnen erwarten muss. Die müssen doch liefern, wir liefern schließlich auch (s.o.). Wir verehren sie und kaufen Fanartikel, damit sie uns dafür bespaßen.

Nun stellt sich heraus: Die sind ja wie wir! Schlecht gelaunt und mürrisch. Und gemeinsam hatten wir uns doch schon fast bis ins Endspiel halluziniert, auch wenn es nur eine theoretische Möglichkeit war. Vom wiedererstarkten Fußballland bis zur größten konventionellen Armee in Europa (oder ist es umgekehrt?) ist es doch nur ein kleiner Schritt, Hauptsache groß und stark und kopflos, immer unschuldig träumend.

Und nun kommt die bange Frage: Wie kann das sein? Fehlt es vielleicht an Substanz Wo ist eigentlich die Substanz für den Coup? Haben wir es mit Betrug, Selbstbetrug und Größenfantasien zu tun, die nun an der Wirklichkeit zerschellen?

Wollte man, ließe sich am Erfolg/Misserfolg der Mannschaft der Zustand des Landes ablesen. Der Zustand einer Verstopfung, die Folgen einer kritiklosen Gläubigkeit an die Obrigkeit, an die Fantasien einer glücklichen Verschmelzung von Volk und Führung. An Bravheit und an Widerspruchsvermeidung. Welch ein Selbstbetrug, dass das Garanten für das beste ewige Deutschland sein könnte!

Das Schlimme ist ja: Wenn wir auf die Mannschaft und das ganze Drumherum schauen, schauen wir auf uns selbst. Und was man da sieht, hält man nicht lange aus. Also schnell auf andere und anderes zeigen. Die Experten empören sich über eine Peinlichkeit, die sie selbst mit ihren Träumereien und abwegigen Emotionalisierungen, mit ihrem Konformismus mitverursacht haben. Sie sind dem Wahn, den sie als Wirklichkeit sich vorstellten, verfallen, sie könnten eine Welle erzeugen, die sie selbst in größte Höhen trägt – sie wollten etwas Großes schaffen … Und ein Teil des Glanzes (und des monetären Mehrwerts) fiele auch auf sie. Enttäuscht oder wutentbrannt entdecken sie eine Peinlichkeit der Nichtleistung, des eigenen Versagens. Der sich selbstverstärkende Belobigungszirkus bricht auf und provoziert Schuldvorwürfe. Dass alle gemeinsam den Dampfer dahin getrieben haben, wo er nun auf ein Riff gelaufen ist, bleibt im Dunkeln. Dass man die Karten studieren muss und die Koordinaten nicht stimmen könnten, bleibt eine vage Vermutung.

Es ist demgegenüber das große Einverständnis der sogenannten Verantwortlichen, Leitfiguren etc. dieser Gesellschaft, dass Kommunikation, sprich: Propaganda, Bilder, Lenkung, Verlockung und Verführung Substanz und Eigenwillen ersetzen können und die Massen folgsam und konsumgeneigt sein lassen. Abweichung, Kritik, Widersprüche gar richten in diesem Gesellschaftsverständnis Schaden an. Sanft oder auch hart werden die Widersprüche etc. ausgemerzt. Am Ende soll es emotional sein, unterhaltsam, gern auch rauschhaft – um so mehr dann befreit von Analyse, Reflexion und von der Frage: Wozu das alles und wem nützt es?

Verabredet hat man sich zu einer Inszenierung, zu einer Show, der schon lange ihre eigenständigen, denkenden Träger verloren gegangen sind. Das So-tun-als-ob, die Verpönung des Aus-der-Reihe-Tanzens haben die Beteiligten zu Robotern gemacht.

Täuschen wir uns nicht: Wo soviel Falsches, Verdrehtes und Verbogenes, wo so viel Verstellung im Spiel ist, ist das Scheitern eine ernstzunehmende Option. Es mag sein, dass der Bruchpunkt nicht sofort kommt. Aber irgendwann können die Verstellungen das System nicht mehr tragen und einzelne oder die Gruppe kollabieren.

Systeme können vergehen. Abschiednehmen fällt schwer, vor allem dann, wenn die verschiedensten Sektoren, vom Torwart, über die TV-Moderatoren bis zum Bundeskanzler am Projekt der Ablenkung, der Unterhaltung, dem Kommerz und der Kriegsertüchtigung arbeiten. Der Bundeskanzler will letztere absichern und setzt dafür Tweets in die Welt, die sich für etwas bedanken, was es nicht gegeben hat, aber hätte geben sollen: Begeisterung und Euphorie. Besser lässt sich die Hohlheit der Inszenierung nicht zeigen.

Sollen der Fußball, der Spielwitz und Kreativität zurückgewonnen werden, müsste das Spiel, die Mannschaft, ihre Trainer Autonomie erkämpfen, sich in Maßen von Medien und Politik emanzipieren und ein Eigenleben beanspruchen, das sie verteidigen und deren Besetzung von außen sie bekämpfen. Sie müssten lernen über Vereinnahmungen, Missbräuche und Funktionalisierungen nachzudenken und diese Ergebnisse in ihr Spiel integrieren. Mehr sein als Erfüllungsgehilfen.

Lizenz: Jürgen Mietz, Free21, CC BY-NC-ND 4.0

Autor: Jürgen Mietz

Jahrgang 1949, ist Diplom-Psychologe. Arbeitete bis 2014 als Schulpsychologe und Supervisor in Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Gründete einen Berufsverband mit und beteiligte sich viele Jahre an Vorstandstätigkeit. Er bloggt gelegentlich und mit abnehmender Tendenz unter schulpsychologie-mietz.com (oder schulpsychologie.wordpress.com). Und verfolgt mit Grausen das nahezu vollständige Zusammenspiel der organisierten Psychologie mit der Macht (https://www.nachdenkseiten.de/?p=124625; Die Beugsamen, 2022 bei epubli.de) und freut sich um so mehr, wenn Psychologinnen und Psychologen eine subjektorientierte Psychologie stärken und historische Ansätze zur Förderung des Verstehens nutzen, gesellschaftsbewusst analysieren und beraten.