Treffen von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem israelischen Premierminister David Ben-Gurion am 14.03.1960 im Hotel Waldorf Astoria in New York. Bei diesem Treffen wurde die Operation „Geschäftsfreund“ zwischen den beiden Staatschefs vereinbart. (Bundesregierung / Benno Wundshammer / B124-Bild00009354, <https://www.konrad-adenauer.de/personen/seite/david-ben-gurion/>)

Von Dirk Pohlmann | veröffentlicht am 25. April 2026, Kategorie: Editor's Choice, Gesellschaft & Geschichte

Staatsräson und Samson Option

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Vor 18 Jahren, am 18.03.2008, hielt Angela Merkel anlässlich des 60. Jahrestages der Staatsgründung Israels eine Rede vor dem israelischen Parlament. Es war die erste Rede eines Regierungschefs eines fremden Landes überhaupt vor der Knesset. Dass ausgerechnet der deutschen Kanzlerin diese Ehre zuteil wurde, war in Israel nicht unumstritten, um es höflich auszudrücken. Einige Abgeordnete boykottierten die Rede. Noch dazu sprach Merkel, außer dem ersten Satz, deutsch, „die Sprache der Täter“. Die Rede, für die sie trotzdem an einigen Stellen stehende Ovationen erhielt, beinhaltete auch das berühmte Zitat, dass die Sicherheit Israels deutsche Staatsräson sei. Sie wurde deshalb weltweit als Beleg für die ganz besonderen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland bewertet. In ihrer Ansprache ging es auch um das -angebliche- iranische Atomwaffenprogramm. O-Ton Merkel:

„Besonderen Anlass zur Sorge geben ohne Zweifel die Drohungen, die der iranische Präsident gegen Israel und das jüdische Volk richtet. Seine wiederholten Schmähungen und das iranische Nuklearprogramm sind eine Gefahr für Frieden und Sicherheit. Wenn der Iran in den Besitz der Atombombe käme, dann hätte das verheerende Folgen – zuerst und vor allem für die Sicherheit und Existenz Israels, dann für die gesamte Region und schließlich, weit darüber hinaus, für alle in Europa und der Welt, für alle, denen die Werte Freiheit, Demokratie und Menschenwürde etwas bedeuten. Das muss verhindert werden.

Dabei muss eines klar sein – ich habe es bereits vor den Vereinten Nationen im vergangenen September gesagt und ich wiederhole es heute: Nicht die Welt muss Iran beweisen, dass Iran die Atombombe baut; der Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will.

Gerade an dieser Stelle sage ich ausdrücklich: Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes.“ [1]

Vor iranischen Atomwaffen [2], die angeblich in wenigen Wochen oder Monaten einsatzbereit sein werden, warnt der Atomwaffenstaat Israel spätestens seit 1984 gebetsmühlenartig [3]. Die Erwähnung des Existenzrechtes Israels, die Warnung vor iranischen Atomwaffen und das Verschweigen der israelischen Nuklearwaffen gehört zu den Ritualen, deren Einhaltung von Israels Regierungen vorausgesetzt wird und deren Missachtung als Beweis für eine feindliche Haltung bewertet und öffentlich geahndet wird. Kein westliches Land nimmt diese Sanktionsdrohung auf die leichte Schulter.

Dass ausgerechnet eine deutsche Kanzlerin als erster Regierungschef vor der Knesset sprechen durfte, war mehr als nur eine diplomatische Geste. Deutschland wurde ab den späten 50er Jahren zwar nicht zum beliebtesten, aber mit den USA und Frankreich zu einem der wichtigsten Verbündeten des Judenstaates. Die deutsche Unterstützung für Israel, in Deutschland „Wiedergutmachung“ genannt [4], ein Begriff, der in Israel nie akzeptiert wurde, dort sprach man von „Zahlungen“, war ein Drahtseilakt der Regierung David Ben Gurions. Die dringend benötigte Militärhilfe, die 1952 vereinbart wurde und bis in die 60er Jahre etwa 3,5 Milliarden DM betrug, war gleichzeitig unverzichtbar und hochproblematisch. Unverzichtbar, weil Deutschland im Alleingang neben dieser Summe für konventionelle Waffen noch als geheime Leistung ab 1960 etwa 2 Milliarden DM für das israelische Atomwaffenprogramm bezahlte. Hochproblematisch, weil die enge Verbindung von Israels Präsident Ben Gurion mit dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer in Israel vom zionistischen Nationalistenführer Menachim Begin erfolgreich genutzt wurde, um seinen politischen Einfluss zu erweitern, was Ben Gurion in Israel in große Bedrängnis brachte. Begin organisierte mit dem Slogan „Kein Blutgeld aus Deutschland“ die größten Demonstrationen, die es damals in Israel gab, es gab Befürchtungen, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen könne. Ben Gurions Verteidigung gegen die Angriffe Begins wirkte dagegen windelweich. Er sagte, dass dies nicht mehr die gleichen Deutschen seien, die die Juden vernichten wollten, es gäbe ein „anderes Deutschland“. Ben Gurion konnte seine wahren Beweggründe nicht offen aussprechen, das Atomprogramm musste geheim bleiben. Offiziell beteuerte Israel, niemand habe vor, eine Atombombe zu bauen. Man wolle die Atomkraft ausschließlich zivil nutzen, um die Wüste urbar zu machen.

Die Situation war auch auf deutscher Seite verzwickt. Denn Kanzler Adenauer wurde von Begin-Anhängern eine Briefbombe zugeschickt, die bei der Explosion den Sprengmeister tötete [5], der sie untersuchen sollte. Die deutsche Polizei hatte ihn nach Hinweisen von zwei jungen Leuten mit der Überprüfung eines Paketes beauftragt, das ihnen von einem Fremden in Deutschland in die Hand gedrückt wurde, weil er keine Zeit habe, es selber zur Post zu bringen. Die jungen Leuten bemerkten aber, dass dann genau dieser Mann ihnen folgte und beobachtete, ob sie das Paket wirklich zur Post brachten. Wie erst 2006 bekannt wurde, steckte nach Angaben des Bombenbauers Elieser Sudit der spätere Premierminister Menachim Begin persönlich hinter dem Anschlag [6].

Das gescheiterte Bombenattentat auf Konrad Adenauer 1952. Ein Anschlag mit politischer Brisanz. (Dokument: Bundesarchiv, gemeinfrei, <https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/themenbeitraege/anschlag-mit-politischer-sprengkraft/>)

Auf deutscher Seite sorgte Adenauer höchstpersönlich dafür, dass die Ermittlungen zu dem Fall im Sande verliefen und er gegenüber der Öffentlichkeit verschwiegen wurde. Vor allem, um das Abkommen mit Israel nicht zu gefährden. Es war der erste außenpolitische Vertrag der jungen Bundesrepublik, sozusagen die Wieder-Eintrittskarte für die diplomatische Weltbühne. Zum anderen wären die Ermittlungen in Deutschland von Kriminalbeamten mit SS Vergangenheit oder Völkermordtatbeteiligung durchgeführt worden, andere gab es kaum. Die hätten dann Israelis vor Gericht gebracht, wo sie wahrscheinlich von furchtbaren Juristen verurteilt worden wären. All das hätte die Durchführung des von Adenauer erwünschten Vertrags wohl verhindert.

Worüber selten gesprochen wird, ist, warum Adenauer Israel zu Atomwaffen verhelfen wollte. Einerseits, weil er die Aussöhnung mit den Juden wollte. Adenauer war kein Nazi, aber er arbeitete aus pragmatischen Gründen mit Nazis zusammen, mit schwer belasteten furchtbaren Juristen wie dem Nicht-NS Mitglied Hans Globke, sein NSDAP Antrag war abgelehnt worden. Er war im 3. Reich der Autor der Nürnberger NS Rassegesetze und in der BRD der Kanzleramtsminister Adenauers. Diese Rolle als Kanzleramtschef ist besonders interessant, weil er damit gleichzeitig der politische Leiter des BND war. BND Chef war wiederum der ehemalige Leiter der „Fremden Heere Ost“, Reinhard Gehlen, der sich bei Kriegsende den US Geheimdiensten angedient hatte und in der CIA die „Organisation Gehlen“ anführte.

Gehlen war ein Kontrollorgan der USA in der jungen BRD. So bot er den Amerikanern an, im Falle eines SPD Wahlsieges oder einer SPD/FDP Koalition einen Putsch durchzuführen.

Seine Rolle als Agent der USA wurde klar, als er die Bemühungen von Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß torpedierte, die weder das Parlament noch das Kabinett über den 2 Milliardenkredit für die Nuklearwaffenentwicklung an Israel unterrichtet hatten. Beide wollten für die Bundesrepublik eigene Atomwaffen [7]. Ob die Unterstützung für Israels Atombombe diesem Zweck sozusagen über Bande dienen sollte, ist unbekannt, aber naheliegend. Es wäre ein lohnendes Feld für Historiker. Falls die keine Angst vor den beruflichen Folgen ihrer professionellen Neugierde haben müssten. Und falls die entsprechenden Dokument endlich freigegeben werden.

Vor 14 Jahren hatte zuerst Dr. Gaby Weber in einem schwierigen Prozess juristisch die Veröffentlichung der BND Akten zum Eichmann Prozess erzwungen – und darin die Unterlagen zur „Operation Geschäftsfreund“ gefunden, der geheimen Finanzierung des israelischen Atomwaffenprogramms. Das wichtigste Dokument habe ich in meiner Arte-Doku „Israel und die Bombe – Ein radioaktives Tabu“ [8] 2012 verwendet.

Das Dokument zeigt, dass Deutschland einen Kredit von jährlich 200 Millionen Mark über 10 Jahre bereitstellt, also insgesamt 2 Milliarden Mark – für den Bau einer nuklearen Entsalzungsanlage im Negev. Nuklear und Negev ist richtig, die Entsalzungsanlage war gelogen. Die geförderte Anlage im Negev kann nur die Plutoniumproduktion in Dimona gewesen sein.

Nach Angaben des Bundestages sind zwischen 1961 und 1965 644,8 Millionen Mark [9] geflossen, vor allem über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), aber das ist nicht die gesamte Summe. 1966 und 1967 wurden unter Bundeskanzler Ehrhardt jeweils 320 Millionen Euro gezahlt, danach 6 Jahre bis 1973, also dem Jahr des Yom Kippur Krieges, jedes Jahr 140 Millionen, zusammen sind das 1.804.800.000 DM. Wesentliche Unterlagen zur Operation Geschäftsfreund sind aber weiter unter Verschluss [10]. Der Kredit wurde von Israel offenbar nicht zurückgezahlt.

Auf die Frage aus einer parlamentarischen Anfrage, gab die Bundesregierung in ihrer Antwort folgende Zahlungen aus den versprochenen 2 Milliarden DM aus der Aktion „Geschäftsfreund“ bekannt. (Screenshot vom 06.04.2026 aus dem PDF der Kleinen Anfrage: Drucksache 17/10482)

Die deutsche Finanzierung war eine wesentliche Voraussetzung für die israelischen Nuklearwaffen. Wesentliche Unterstützung erhielt Israel von Frankreich, dass Israel wie Deutschland aus ideologischen Gründen unterstützte. Der französische Premierminister von 1957, Maurice Bourgès-Maunoury sagte: „Ich habe euch Israelis die Bombe gegeben, um zu verhindern, dass das jüdische Volk erneut einem Holocaust zum Opfer fällt, und damit Israel seinen Feinden im Nahen Osten die Stirn bieten kann.“ Frankreich war wie Deutschland einer der wichtigsten militärischen Unterstützer Israels, insbesondere nach dem katastrophal verlaufenem Suezkrieg von 1956 [11]. Für diesen Krieg hatten sich England, Frankreich und Israel gegen Ägypten verschworen, nachdem dessen Präsident Gamal Abd El Nasser den britisch-französischen Suezkanal verstaatlicht hatte. Ziel war es Nasser zu stürzen, der als „Hitler vom Nil“ verleumdet wurde. Geplant war, dass Israel den Sinai und den Gazastreifen angreifen sollte, Frankreich und England wollten dann einen gemeinsamen Luftlandeangriff und die Besetzung des Suezkanals durchführen, der als „Vermittlungsmission“ getarnt werden sollte. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem militärischen Desaster und führte schlussendlich dazu, dass Nasser gestärkt wurde, die UdSSR seine Schutzmacht wurden und die USA die andere wesentliche Macht im Nahen Osten wurde. Damit hatte sich der Kalte Krieg auf den Nahen Osten ausgeweitet.

Frankreich war selbst auf dem Weg Atommacht zu werden, was ihm trotz Widerstands der anderen Nuklearmächte 1960 gelang. Frankreich stellte Israel die Nukleartechnik zur Verfügung. Wie der ehemalige Chefbildauswerter der CIA, Dino Brugioni in meiner Arte-Dokumentation „Israel und die Bombe – Ein radioaktives Tabu“ ausführt, entdeckte er nach Spionageflügen der U2 über Frankreich und Israel, dass in Dimona eine Kopie der französischen Plutoniumanlage Marcoule entstand, ein Beleg, dass Israel an der Atombombe arbeitete. Aber US Präsident Eisenhower reagierte nach dessen Angaben nicht auf Brugionis Hinweise. Im US Nationalarchiv entdeckte ich aber Filmmaterial der CIA, in dem beobachtet und belegt wurde, dass in Dimona eine französische Enklave entstand.

Israel besorgte sich die Rohstoffe, also in erster Linie Uran, schweres Wasser und Tritium nicht, wie Dr. Gaby Weber ausführt, vor allem aus Argentinien (Uran) mit Hilfe ehemaliger Nazi-Wissenschaftler, sondern noch an vielen anderen Orten. Mossad Agenten stahlen mit Hilfe jüdischer US Wissenschaftler in den 60er Jahren mehrere hundert Kilo hochangereichertes Uran aus dem US NUMEC Programm, schweres Wasser wurde aus Norwegen und Großbritannien geliefert und 200 Tonnen Yellowcake (Uran) 1968 aus dem Kongo über Belgien in der Operation Plumbat [12] –wiederum mit deutscher Unterstützung – nach Israel gebracht [13].

Mittlerweile ist die deutsche Finanzierung der israelischen Nuklearwaffen als Tatsache akzeptiert. Am 13. März 2026 veröffentlichte Haaretz, die wichtigste Oppositionszeitung Israels, einen Artikel mit dem Titel „Historische Hinweise deuten darauf hin, dass Deutschland heimlich Israels Atomwaffenprogramm finanzierte.“ [14] Der Artikel enthält erstaunliche Fehler und Auslassungen. So behauptet der Autor, das erste Buch über die israelischen Atomwaffen sei das akademische Standardwerk „Israel and the Bomb“ von Avner Cohen aus dem Jahr 1998. Das ist falsch. Das erste und immer noch eines der wichtigsten Bücher ist „The Samson Option“ von Seymour Hersh von 1991. In diesem journalistischen Buch stehen viele Informationen, die das akademische Werk von Avner Cohen nicht erwähnt. In dem Artikel wird auch meine Dokumentation nicht erwähnt, die die erste weltweit zur Geschichte des israelischen Nuklearprogramms war, mit Ausnahme von Seymour Hersh alle wichtigen Fachleute wie Avner Cohen, Martin van Creveld und Peter Hounam, den Chefreporter der Sunday Times zu Wort kommen lässt, der mit der Mordechai Vanunu Geschichte 1986 die Existenz der israelischen Nuklearwaffen bewies. Der Film erreichte in einer illegalen englischen Fassung mehr als 1 Million Klicks auf Youtube, bevor er gelöscht wurde.

Vanunu war Techniker in Dimona, er machte illegal Fotos in der Anlage, die dann letztlich von Hounam zusammen mit Vanunus Schilderungen der Plutonium und Atomwaffenproduktion in Dimona auf 6 Seiten in der Sunday Times veröffentlicht wurden. Unmittelbar danach wurde Vanunu vom Mossad mit Hilfe einer Honigfalle, der weiblichen Mossadagentin Cheryl Bentov nach Rom gelockt, von dort gewaltsam nach Israel entführt und schließlich von einem Gericht verurteilt. In Israel wurde von den Behörden sogar die Todesstrafe in Erwägung gezogen, die nur einmal in Israel ausgesprochen und vollstreckt wurde, an Adolf Eichmann. Vanunu wurde letztlich nach einem nicht-öffentlichen Verfahren 18 Jahre inhaftiert, 11 davon in Einzelhaft und war auch danach kein freier Mann, lebt aber nicht mehr im Gefängnis. Hounam ermittelte in einer sensationellen investigativen Recherche die Mossadagentin Cheryl Bentov, die Vanunu für die Entführung nach Rom lockte, konfrontierte sie in ihrer Wohnung mit seinen Recherchen und fotografierte sie. Hounam reiste außerdem als Zeuge und BBC Korrespondent zu dem Prozess nach Israel, um dort für Vanunu auszusagen, der sich aus Gewissensgründen offenbart hatte, nicht aus Geldinteresse. Auch 2004, anlässlich der erwarteten Entlassung von Vanunu aus dem Gefängnis reiste Hounam als BBC Reporter nach Jerusalem um eine Dokumentation zu drehen. In Tel Aviv wurde er aus seinem Hotel vom israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet und dem Geheimdienst Lakam entführt, der dem Schutz des geheimen israelischen Nuklearwaffenprogramms diente. Er wurde gewaltsam mit einem Sack über den Kopf in ein Geheimgefängnis verschleppt, wo ihm mitgeteilt wurde, dass er „auf dem Mond“ sei und nie wieder nach Hause kommen werde. Er wurde in eine sehr enge, schwarz gestrichene, fensterlose Zelle gesperrt, deren Wände mit Blut, Sperma und Exkrementen eingerieben waren. Glücklicherweise war seine Entführung aus seinem Hotel von zwei britischen Prozessbeobachterinnen einer Menschenrechtsorganisation bemerkt worden, die die britische Botschaft informierten. Ein Gericht in Jerusalem hatte zwar eine Nachrichtensperre zu dem Vorgang verhängt, aber durch Intervention britischer Behörden kam Hounam wieder frei und wurde des Landes verwiesen. Die Ereignisse erregten internationales Aufsehen.

In meiner Dokumentation berichtete Hounam über seine Erlebnisse, von Vanunu und über seine Rechercheergebnisse und Interviews für die hervorragende BBC Dokumentation „Dead in the Water“ [15] von 2002, in der es um den Angriff und die misslungene Versenkung des US Spionageschiffs USS Liberty 1967 durch die israelischen Streitkräfte im 6 Tage Krieg ging. In seinem ebenfalls exzellentem Buch „Operation Cyanide“ (2003) [16], so der Deckname der nach Hounams Recherchen gemeinsamen CIA/Aman (israelischer Militärgeheimdienst) Operation, für deren Namen und Aufgaben er einen anonymen Informanten angibt, die aber bisher nicht durch Dokumente belegt werden kann.

Hounam behauptet sowohl in der BBC Doku, deren Rechercheur er war, als auch in seinem Buch, in dem er die Hintergründe der Versenkung der USS Liberty detailliert ausführt, dass geplant war, die USS Liberty in einer False Flag Operation zu versenken, die gesamte Besatzung zu töten, den Vorgang den Ägyptern in die Schuhe zu schieben und dann einen US Angriff mit nuklearer Eskalationsmöglichkeit zu starten, bei dem die sowjetische Militärbasis Kairo West ausgelöscht, der ägyptische Präsident Nasser gestürzt und die Sowjets aus dem Nahen Osten entfernt werden sollten.

Natürlich wurden seine Rechercheergebnisse und sowohl die BBC Dokumentation (so etwas war damals noch möglich) als auch sein Buch (das zwar überwiegend in den USA verkauft wurde aber keinen US Verleger fand) als antisemitische Verschwörungstheorien herabgewürdigt.

Die Affäre Mordechai Vanunu führt mitten in einen der zentralen Aspekte des israelischen Atomwaffenprogramms: die Amimut Strategie. Amimut ist das hebräische Wort für Unbestimmtheit. Avner Cohen hat die Grundidee im Titel seines zweiten, exzellenten Buches auf den kürzest möglichen Nenner gebracht: „Das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Welt“ (The Worst Kept Secret) [17]. Es erklärt die Merkwürdigkeit, dass Israel einerseits darauf besteht, die Existenz der Nuklearwaffen „geheim“ zu halten, was de facto nur bedeutet, dass sie deren Existenz offiziell nicht zugeben. Andererseits soll die ganze Welt wissen, dass sie Atomwaffen besitzen. Durch diese Unklarheit kann Israel die Abschreckungswirkung der Waffen optimal zur Machtentfaltung nutzen. Viele Staaten müssen sich Gedanken machen, unter welchen Voraussetzungen die Israelis Atomwaffen einsetzen würden, wie viele sie haben, welche Arten von Atombomben, ob thermonukleare Sprengköpfe auf Interkontinentalraketen im Megatonnenbereich, Mininukes mit einstelliger Kilotonnensprengkraft von der Größe einer Ananas, Neutronenbomben, die Menschen „versaften“ in dem sie ihre Zellen zerstören, wer die Verfügungsgewalt über den Einsatz der israelischen Atomwaffen hat und welche Ziele Israel angreifen würde.

Israel hingegen hat keinen einzigen Vertrag unterschrieben und unterliegt keinerlei Verantwortung und Kontrolle. Während also die USA und Israel den Iran mit allen Mitteln daran hindern wollen, Atomwaffen zu entwickeln und herzustellen, obwohl sich der Iran dazu in Verträgen und einem religiösen Erlass seiner geistlichen Oberhäupter und Staatschefs Khomeini und Khamenei verpflichtet hatte, wurde von den USA zum Beispiel darüber großzügig hinweggesehen, dass Israel dem Apartheidsstaat Südafrika zu Atomwaffen verhalf, einen geheimen Test im Südatlantik zwischen Südafrika und der Antarktis durchführte, um den Südafrikanern zu beweisen, dass sie funktionsfähige Atomwaffen hatten und Südafrika Mittelstreckenraketen mit thermonuklearen, biologischen und chemischen Sprengköpfen anboten.

Die USA und Israel hatten sich in Verhandlungen auf die bewusst schwammige Formulierung geeinigt, dass Israel zusagte, nicht als erster Staat Nuklearwaffen im Nahen Osten „einzuführen“. Aber was bedeutet einführen. Offenbar nicht den Bau, denn der ist bei 100 bis 400 nuklearen Sprengköpfen ausgeführt worden. Bedeutet „Einführen“ „Einsetzen“? Das wäre mittlerweile umstritten, denn es gibt durchaus Indizien, wenn auch keine akzeptierten Beweise, dass Israel bereits Mininukes eingesetzt hat. Und der israelische Verteidigungsminister Ben Gvir diskutiert mit Moderatoren und Experten lachend im israelischen Fernsehen den Einsatz von Neutronenbomben gegen den Iran. „Wir müssen das iranische Terrorregime auslöschen“. [18]

Länder, die innerhalb der Reichweite israelischer Jericho III Atomraketen liegen. (Bild: reddit, <https://www.reddit.com/r/MapPorn/comments/1lb56tp/countries_within_range_of_israels_nuclear/>)

Die Ironie von olympischen oder apokalyptischen Dimensionen liegt darin, dass das einzige, was wir über die israelische Nuklearwaffenstrategie wissen, ihr Titel ist: Die Samson Option. Sie ist nach dem biblischen Held Samson benannt. Der mit unglaublichen Kräften gesegnete Samson verlor sie, als seine Frau ihm seine Haare abschnitt. Er wurde von den Philistern im Kerker geblendet. Seine Haare wuchsen nach. Als die Philister ihn in ihrem Tempel quälten, rief er Gott an, ihm seine Kraft zurückzugeben, drückte die Säulen des Tempels auseinander und riss Hunderte von Ihnen mit sich in den Tod.

Die Samson Option wird durch einige -inoffizielle- Äußerungen von hochrangigen Israelis so erklärt, dass Israel eine Weltuntergangsdrohung formuliert hat.

Falls die Existenz Israels auf dem Spiel stände, würde Israel die Welt um sich herum vernichten und in den nuklearen Winter stürzen.

Insofern ist Merkels Satz, dass die Sicherheit Israels deutsche Staatsräson ist, eine vernünftige, wenn auch furchtbare Aussage.

Statt sich aus geschichtlicher Schuld einem Staat auf Gedeih und Verderb anzudienen, wäre es sinnvoller gewesen aus dem Zivilisationsbruch der Nazis den Schluss zu ziehen, dass die deutsche Staatsräson für die Außenpolitik folgendermaßen definiert werden muss: Die Achtung und Durchsetzung des Völkerrechts ist deutsche Staatsräson.

Womit sich Deutschland zur Zeit gegen die israelische und US Außenpolitik stellen müsste.

Lizenz: Dirk Pohlmann, Free21, CC BY-NC-ND 4.0

Autor: Dirk Pohlmann

Jahrgang 1959, studierte Publizistik, Philosophie und Jura, erwarb eine Berufspilotenlizenz, war Geschäftsführer der CargoLifter World GmbH und absolvierte eine Ausbildung als Projektmanager. Er produzierte als Drehbuchautor und Filmregisseur mehr als 20 Dokumentationen für arte, ZDF, und ARD, die darüber hinaus in mehr als 20 Ländern im TV ausgestrahlt wurden, etwa in den USA, Kanada, Russland und Australien. Er schreibt für zahlreiche Blogs und im eigenen YouTube Programm „Das 3. Jahrtausend“.

Quellen:


[1] Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel vor der Knesset (18.03.2008): „Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel“. Bundesregierung. <https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/rede-von-bundeskanzlerin-dr-angela-merkel-796170>

[2] Scott Peterson (08.11.2011): „Imminent Iran nuclear threat? A timeline of warnings since 1979.“. The Christian Science Monitor. <https://www.csmonitor.com/World/Middle-East/2011/1108/Imminent-Iran-nuclear-threat-A-timeline-of-warnings-since-1979/Earliest-warnings-1979-84>

[3] Trita Parsi (26.11.2013): „Iran in final stage of production of nuclear bomb, Maariv headline, April 25, 1984. YES – 1984! h/t @richards1052“. X. <https://x.com/tparsi/status/405207029792264192>

[4] Ralf Balke (09.09.2022): „Blutgeld oder Wiedergutmachung?“. haGalil. <https://www.hagalil.com/2022/09/luxemburger-abkommen/>

[5] Carmen Shamsianpur (25.03.2022): „Ein Attentat, das niemand aufklären wollte“. Israelnetz. <https://www.israelnetz.com/ein-attentat-das-niemand-aufklaeren-wollte/>

[6] (13.06.2006): „Bericht: Begin gab Anschlag auf Adenauer in Auftrag“. Israelnetz. <https://www.israelnetz.com/bericht-begin-gab-anschlag-auf-adenauer-in-auftrag/>

[7] Franz Walter (06.08.2007): „Adenauers Atompolitik: Aufstand der Atomforscher“. Der Spiegel. <https://www.spiegel.de/geschichte/adenauers-atompolitik-a-948879.html>

[8] Dirk Pohlmann (Hochgeladen: 19.08.2025): „Israel und die Bombe – Ein radioaktives Tabu – Dokumentarfilm“. YouTube – Arte. <https://www.youtube.com/watch?v=BGNZKDugEZY>

[9] Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke, Jan van Aken, Eva Bulling-Schröter, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 17/10277 – (14.08.2012): „Gewährung von Krediten an Israel und Vorgang „Geschäftsfreund“ in den 1960er-Jahren“. Deutscher Bundestag. <https://dserver.bundestag.de/btd/17/104/1710482.pdf>

[10] „Suezkrise“. Wikipedia. <https://de.wikipedia.org/wiki/Suezkrise>

[11] Kreditanstalt für Wiederaufbau verweigert Freigabe historischer Dokumente über mögliche Finanzierung der israelischen Atombombe (17.11.2013): „Die Dokumente könnten Aufschluss darüber geben, ob die KfW den Bau der israelischen Atombombe mitfinanziert hat. Kanzler Konrad Adenauer (CDU) hatte 1960 Israels Premier David Ben Gurion umfangreiche Finanzhilfen zugesagt.“. Der Spiegel. <https://www.spiegel.de/spiegel/vorab/kfw-verweigert-freigabe-historischer-dokumente-a-933995.html#:~:text=Die%20Dokumente%20k%C3%B6nnten%20Aufschluss%20dar%C3%BCber%20geben%2C%20ob,Premier%20David%20Ben%20Gurion%20umfangreiche%20Finanzhilfen%20zugesagt.>

[12] „Operation Plumbat“. Wikipedia. <https://en.wikipedia.org/wiki/Operation_Plumbat>

[13] DER SPIEGEL 21/1977 (15.05.1977): „URAN-SCHIFF: Levantinischer Herr“. Der Spiegel. <https://www.spiegel.de/politik/levantinischer-herr-a-8e6833c6-0002-0001-0000-000040887506>

[14] Uri Bar-Joseph (13.03.2026): „Historical clues indicate: Germany secretly funded Israel’s nuclear program“. Haaretz. <https://www.haaretz.com/israel-news/israel-security/2026-03-13/ty-article-magazine/.highlight/historical-clues-indicate-germany-secretly-funded-israels-nuclear-program/0000019c-e17c-d9b7-a5fd-ef7e8c520000>

[15] Christopher Mitchell – BBC (Hochgeladen: 17.05.2012): „“USS Liberty: Dead In The Water“ (BBC Documentary 2002)“. YouTube. <https://www.youtube.com/watch?v=kjOH1XMAwZA>

[16] Peter Hounam (15.05.2003): „Operation Cyanide: How the Bombing of the USS Liberty Nearly Caused World War Three“. Amazon. <https://www.amazon.com/Operation-Cyanide-Bombing-Liberty-Nearly/dp/1904132197>

[17] Avner Cohen (15.10.2010): „The Worst-Kept Secret: Israel’s Bargain with the Bomb“. Amazon. <https://www.amazon.com/Worst-Kept-Secret-Israels-Bargain-Bomb-ebook/dp/B005CAPK26>

[18] ebd.