Darband, Stadtteil im Norden Teherans. (Foto: Ninara from Helsinki, Wikimedia Commons, CC BY 2.0)
Tausend und zwei Nächte
Reisebericht 17. Dezember 2022 bis 7. Januar 2023
Nah ist und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Hölderlin
Aber kennen wir, die Menschen des Westens noch einen Gott außer dem „Homo Deus“, der sich präsentiert im unendlichen Geschrei der tödlichen Show? Gibt es noch eine geistige Welt in unseren Breiten? Ist unser Hochmut allen anderen geistigen Welten gegenüber angebracht? Woher kommt diese Anbetung der Oberfläche? Lassen Sie mich von einer Reise berichten, die mich berührt und glücklich gemacht hat. Vielleicht können wir dann ahnen, wie groß das Unglück ist, das wir anrichten, indem wir uns an die Stelle aller Götter setzen, nichts verstehen und an unserem eigenen transhumanistischen Geplauder im Nihilismus des Tötens versinken.
Eine Reise in den Iran zum Jahreswechsel 2022/23!
Hurra wir verreisen, aber wohin, was erwartet uns?
Aus den Beschreibungen, hier in Deutschland, erfährt man, dass eine barbarische Regierung des Irans die Bevölkerung, besonders die Frauen quält.
Das wissen wir im Westen, denn überall auf der Welt sind die Menschen noch nicht auf dem westlichen Entwicklungsstand, was uns, die westliche Welt, wie selbstverständlich, gegen wen, wofür, warum auch immer in allen Konflikten zur Führung berechtigt.
Wohin? Ins Nirwana? In den Himmel? In die Hölle?
Die Erklärungsmuster des Weltgeschehens hier, in Deutschland, liegen in westlichen Händen, wir wissen, wie die Welt zu denken, zu fühlen und zu handeln hat. Millionen Journalisten sind beschäftigt. die Welt von der Höhe ihres allmächtigen Wissens aus zu interpretieren. Alle Mittel zum Umsetzen dieser Führung sind berechtigt, nur das Böse kann daran zweifeln.
Vielen Menschen scheint dieses Selbstverständnis selbstverständlich.
Warum nur?
Es ist schön, etwas nicht zu wissen, lernen zu können.
Was werden wir sehen?
Worüber dürfen wir uns wundern, vielleicht sogar staunen? Was wissen wir nicht, was können wir lernen zu verstehen?
Schon auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel, sehen wir Schrift. Überall ist diese Schrift zu sehen. Sie ist schön, geschwungen, rhythmisch und rätselhaft. An Wänden, in bunten Leuchtreklamen, an LED-Leuchten zeichnet Schrift die Wege.
Wir fahren in eine erzählende Welt, Worte verweisen in alle Richtungen, zur nächsten Autowerkstatt, ins Restaurant, zum Basar, in die nächste Stadt, zu Allah.
Wenig übergroße Bilder, von mehr oder weniger Prominenten, verstellen den Blick in die Stadt, auf das Leben der Straße. Ab und zu ein geistlicher Führer, aber oft ist es ein zum Bild gemaltes Foto, genau wie die Bilder der an den Laternen auftauchenden Märtyrer, die an persönliche Schicksale im Krieg mit dem Irak erinnern.
Unser erster Aufenthaltsort ist Teheran.
Den Tabiat Park und seine Brücke besuchen wir am späteren Abend und am Tag danach. Viele Menschen nutzen den Ort um zu spazieren. In einem Cafe an der Brücke feiern junge Menschen Geburtstag und schenken uns Kuchen. Sie fragen, wo wir herkommen, wünschen uns Glück. Wir fotografieren uns gemeinsam. Es gibt keine Angst, kein Verstecken. Eine 28-jährige Architektin hatte diese Brücke entworfen, kein weltberühmtes Architektenbüro musste die Entscheidung zum Bau der modernen Brücke vom Park über eine Autobahn zum nächsten Park rechtfertigen. Sie ist in ihrer mehrstöckigen Form ein architektonisches Ereignis und offensichtlich ein Treffpunkt vieler, besonders junger Menschen. Erstaunlich! Auch der Verkehr, beeindruckt uns schon am ersten Tag. Es gelingt den Fahrern in unsichtbarer Absprache mit einem Minimum an Regelbereitschaft, die Mobilität der Stadt umzusetzen.
Der Besuch von Museen, des Thronsaals, der Diamanten Halle sind Ereignisse. Immer wieder fallen die klug angelegten Gärten auf. Es ist Winter, nicht die Blumen, aber die Konzepte der Anlagen sind beeindruckend. Blickrichtungen, Wasser und Gewächse sind geplant, vielleicht weil die Kulturen im Iran sich schon so lange mit dem Wasser als Elixier des Lebens beschäftigen. Es fallen immer neue Springbrunnen und andere raffinierte Formen im Umgang mit Wasser ins Auge.
Wir treffen im Hotel einen Freund eines Freundes von Freunden. Er kann ohne Erregung, ohne Vorwurf, ohne Bitterkeit aus der Geschichte des Irans berichten. Diese Form der Intellektualität, die Empathie und Distanz zugleich ermöglicht, ist beeindruckend. Eine hier, in Deutschland, fast verschwundene Gesprächsform. Wir lernen, dass der Kampf gegen Analphabetismus, die Entwicklung von unzähligen Universitäten, einen selbstbewussten Diskurs im Land zwischen allen divergierenden Ansichten fordert.
61% der Abgänger des Ingenieurstudiums im Iran sind Frauen, das ist beeindruckend. Der Analphabetismus, 70% zur Zeit des Schahs, gehört der Vergangenheit an. Übrigens war uns aufgefallen, dass in so gut wie in allen Restaurants Frauen die Kasse bedienen und kontrollieren. Wahrscheinlich können sie besser rechnen.
Amir, unser Reisebegleiter, erzählt uns den hübschen Witz, das alle iranischen Männer Machos sind und immer das letzte Wort haben müssen, es lautet: Ja, sehr gern mein Schatz.
Die Schönheit vieler iranischer Frauen hat auch uns sehr beeindruckt und verdient ihre Sprichwörtlichkeit.
Nicht in Teheran, aber an vielen anderen Orten sehen wir später kleine und größere schwarze Fahnen, aufgehängt an Straßen. Texte sind als Banner über Straßen gezogen. Denn die Prophetin Fatima wird gefeiert. Gruppen von Männern pilgern zur Fatima-Moschee in Ghom, um die Weisheit dieser Frau zu feiern.
Der Respekt vor den Frauen findet sich offensichtlich in Geschichten, die sich durch Unkenntnis unserem Verständnis entziehen. Selbst die Bedeutung einer literarischen Figur, wie Scheherazade aus „Tausend und einer Nacht“, ist für uns nicht auf den ersten Blick sichtbar.
Aber jetzt bestaunen wir erstmal den Teheraner Basar. Er ist durch seinen Abwechslungsreichtum an Produkten, die Schnelligkeit der Waren transportierenden Arbeiter und die Bedächtigkeit des Einkaufs ein kulturelles Erlebnis. Die Mosaiken, ihre Schönheit mitten im Alltag, verweisen in zivilisatorische Leistungen der Vergangenheit, die vielleicht mit ein Grund für die verblüffende Kultur der Toleranz im Umgang mit bestehenden Widersprüchen des iranischen Alltags sind. Die Basare sichern im ganzen Land einen großen Teil der Versorgung der Bevölkerung. Es wäre in vielerlei Hinsicht eine Katastrophe, ein Angriff auf Kultur und Umwelt, Amazon an die Stelle zu setzen.

Nördlicher Haupteingang des Großen Bazars von Teheran am Sabzeh-Meydan, 2017. (Foto: Marymhni, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)
In der weiteren Reise werden wir immer wieder überrascht sein, auf welch tolerante Weise gelebt wird. Später in Ghom werden wir einen Geistlichen treffen, der die gleiche Fähigkeit zur Toleranz im Gespräch zum Ausdruck bringt wie der Freund des Freundes von Freunden.
Unsere nächste Station ist Ghavsin. Hier ist die Moschee verschlossen. Warum? Unser Reisebegleiter findet den Moscheediener. Er berichtet, dass in der Gegend zwei Vorbeter von Banden getötet wurden, sie deshalb entgegen dem Brauch, die Moschee verschlossen haben. Den Basar in der Nähe besuchen wir schon wie selbstverständlich.
In Gedanken können die Erlebnisse wilde Wege zurücklegen. Ich muss an Shiraz denken, diese schöne gepflegte Stadt, in der junge Mädchen, offensichtlich ein Schülerausflug, mit uns eine Fotosession veranstalteten. Wir trafen auch junge Fotografen und Models, die versiert im Umgang mit modernen Techniken Bilder an historischen Orten für ihr Verständnis von Zukunft suchten und fanden.
Die vielen Momente der Gastfreundschaft sind fast nicht zu erzählen. Vom gemeinsamen Teetrinken mit einer iranischen Familie, die ebenfalls den berühmten Eram-Garten besichtigte bis zu den vielen Einladungen, die von unserem Reisebegleiter Amir aus Zeitgründen, immer wieder abgewehrt wurden. Neben vielen kleinen Geschenken, sind es zwei Erlebnisse, die mich voller Neigung an den Iran denken lassen.
In einer Khan-Moschee trafen wir einen Jungen von vielleicht 13 Jahren, der den Besuchern beim Ausziehen und Verwahren der Schuhe half. Für ihn war es eine wichtige Funktion. Er bemerkte unser Fremdsein und führte mich zu den schönsten Bildern in einem hinteren Raum. Als Dank schenkte ich ihm etwas Geld. Nach der Besichtigung und vielen Fotos mit vielen anderen Besuchern und Gläubigen gingen wir zum Auto. Jetzt kam der Junge gerannt und rief uns. Er hatte von dem bisschen Geld Blumen gekauft. Das Papier, in dem die Rose eingewickelt war, liegt in Berlin auf einem Tisch und erzählt von ihm. Ich habe Glück, diesen Jungen, seine Freundlichkeit und Neigung dem Fremden gegenüber, erfahren zu haben.
Es gab einen sehr verregneten Tag. Ausgerechnet an diesem Tag war die Besichtigung der Stufenpyramide von Tschogha Zanbil geplant. Als wir auf den Parkplatz fuhren, gab es in einiger Entfernung nur ein einziges Auto. Wir und die Menschen aus diesem Auto waren wild entschlossen, die Pyramide trotz allem näher zu betrachten. Ich fotografiere schlecht, aber möglichst alles, also auch unsere wetterbedingten Leidensgefährten. Die Familie winkte uns für ein gemeinsames Foto zu sich. Da es wirklich sehr kräftig regnete, legte die Frau ihren Tschador um mich zum Schutz vor dem Regen. Nach den Fotos wollte ich ihn ihr zurückgeben, das war nicht möglich. Ich sollte ihn weitertragen, er sollte mir helfen, nicht krank zu werden. An diese Frau muss ich immer wieder denken. Sie kannte mich nicht, sie hatte keinerlei Vorteil, einfach nur so verschenkt sie ein schönes wichtiges Kleidungsstück und entschwindet.
Für uns ist diese Freundlichkeit jenseits von Berechnung fast nicht mehr zu verstehen. In der westlichen Welt mit ihrem Verlangen nach Effektivität, einem ständigen Kosten-Nutzen-Abwägen, ist Lebendigkeit ohne Ziel ein Fehler. Schade!
Wahrscheinlich waren wir im gastfreundlichsten Land der Erde zu Besuch.
Während des Rückflugs denke ich bereits, warum sollen wir Menschen aus der westlichen Wertegemeinschaft dieses kulturvolle Land nicht besuchen?
Wer denkt sich so etwas aus?
Wir sind in dieser Zeit 5000 km durch den Iran gefahren, wir haben 10 verschiedene Städte besucht, den Blick in ein Land ohne Angst vor Kriminalität, ohne ins Auge springende Armut gesehen. Wir sahen keine Bettler, keine Obdachlosen, aber wir erlebten immer wieder unglaubliche Freundlichkeit und Neugier Fremden gegenüber. Vielleicht hat sich die Offenheit dem Fremden gegenüber aus der Zeit der Karawanen der Seidenstraße bis heute gehalten. In vielen Städten kann man Karawansereien besichtigen, als museale Einrichtungen oder als Teil der Basare, oder als Herberge wie vor langer, langer Zeit.
Aber vielleicht findet diese Fähigkeit zur Freundlichkeit ihre Ursache auch im Verhältnis zur Kunst, zur Schrift und in der Tatsache, dass die Menschen dort sich nicht zu schnell ein Bild machen wollen und die Begegnung suchen. „Du bist, was Du suchst, sagt Rumi, ein großer iranischer Dichter des 13. Jahrhunderts.
Vielleicht hat aber auch Scheherazade mit der Kraft ihrer Erzählungen in Tausend und einer Nacht, der Kultur im Leben der Menschen, solche Macht verliehen.
Sie, die Tochter des Großwesirs, will den Sultan heiraten. Den Sultan, der jede Frau, die er heiratete, nach der ersten gemeinsamen Nacht töten ließ, um nicht betrogen zu werden. Seine erste Frau hatte ihn hintergangen und um sein Leid nicht zu wiederholen, beendet er jede neue Beziehung auf diese schreckliche Weise. Ihr Vater warnt sie, will sie nicht der Gefahr aussetzen, aber sie will. Sie wird ihm jede Nacht eine Geschichte erzählen, deren Fortsetzung er hören möchte. Sie leben zusammen, bekommen Kinder, leben miteinander.
Der Sultan hatte begonnen, ihre Geschichten, die Literatur zu lieben und muss in der 1002. Nacht nicht mehr töten. Sie haben gelernt ohne Bedrohung miteinander zu leben.
Traurig, warum finden wir keine Scheherazade, die uns von der Macht des Tötens erlöst, wie sie es kann, im Iran.
Vielleicht ist das, das Rätselhafte der Schrift, die die Wege aufzeigt.
Wege, die wir in der westlichen Welt nicht kennen.
Wir scheinen nur einen Weg zu kennen.
Die Macht der Zerstörung.
Wenn wir, wie die Iraner unsere Geschichten kennen und verstehen würden, könnten wir viele Grausamkeiten unterlassen, würden die Wahrheit suchen und verstehen wollen. Aber wie soll das geschehen, wenn wir unsere Vorfahren nicht kennen, nicht verstehen, was ihnen geschah und was sich in uns fortpflanzt immer wieder, unbemerkt. Wenn wir nicht wissen wollen, was Wahrheit bedeutet. Wenn wir immer wieder Wege suchen, die Wahrheit nicht zu kennen. Wenn, unsere Philosophen, zum Beispiel, durch den Poststrukturalismus das Leben dekonstruieren, aber keine Frage nach der Wahrheit finden. Wenn wir die subjektive Wahrnehmung an die Stelle von Wahrheit setzen, wenn wir hoffen, Technik kann von den Fragen nach der Wahrheit erlösen, wie sollen wir dann erkennen.
Scheherazade setzt das Leben selbst durch Literatur in das Gedächtnis der Iraner. Was lebt nun, bewusst oder unbewusst, in uns, welche Götter sprechen zu uns mit ihren Geschichten.
Fragen wir die griechische Götterwelt nach der Wahrheit. Was finden wir in dem olympischen Dasein, das auf uns heute verweist. Was erzählt uns Kassandra, die Seherin über das Leben? Ihre Propheterie ist vom beleidigten Gott Apollon mit dem Bann belegt, nicht geglaubt zu werden. Denn, der in seine Priesterin Kassandra verliebte Gott Apollon, schenkte ihr werbend die Sehergabe. Als sie das Geschenk annimmt, aber die Liebe verweigert, legt er auf sein Geschenk die schreckliche Gabe der Verweigerung, der Akzeptanz der Wahrheit durch ihre Mitmenschen. Wird die Ablehnung des zueinander Gehörens beider Geschlechter so hart bestraft?
Fehlt dann immer der Teil der Wahrheit, der kontextloses Sprechen verhindert?
Die Griechen können Troja nicht erobern, nur betrügen. Die Kriegslist des Odysseus wird eine riesige Show. Das Heer zieht sich scheinbar besiegt zurück. Im Rückzug lassen sie ein großes, im Inneren mit versteckten Soldaten gefülltes hölzernes Pferd, als Weihegeschenk für die Göttin Athene zurück. Die frohen von der Belagerung befreiten Trojaner holen, von ihrem Glück beseelt und betrunken, das mit feindlichen Soldaten vergiftete hölzerne Geschenk an die Göttin, in die Stadt. Nachts im schlafenden Troja klettern die versteckten griechischen Soldaten aus dem Pferd, öffnen das Stadttor und das zurückgekehrte Heer des Agamemnon stürmt in die Stadt. Sie ermorden die Männer, versklaven Frauen, die Kinder und rauben, rauben und rauben. Die Seherin Kassandra hatte die Stadt Troja gewarnt, doch man hörte sie nicht. Soll das auf ewig das Schicksal der Wahrheit für uns bleiben?
Die Bürger Trojas lehnen, die von der schönen Königstochter Kassandra bedachte und gesprochene Wahrheit ab. Sie können nicht glauben, dass das griechische Heer des Agamemnon sich nur zum Schein in die Berge zurückzog, dass das hölzerne Pferd Betrug bedeutet.
Die Trojaner sind trunken vom eigenen Sieg. Die Gefahr von versteckten Soldaten im hölzernen Pferd vor den Toren der Stadt glauben sie nicht. Statt das Pferd zu prüfen, bevor sie es, als Ausdruck des Sieges über die Griechen durch das geöffnete Tor in die Stadt ziehen, sind sie trunken vom eigenen Sieg, von ihrer scheinbaren Macht. Sie wollen die Worte und Wahrheiten von Kassandra nicht glauben. Die Kriegslist des Odysseus und die Illusion der eigenen Macht gehören wohl zu den Ausgangspunkten unserer Kultur, wie die Unfähigkeit, im Siegen den Rausch zu vermeiden.
Die List an Stelle von offenem Kampf, der Rausch des Siegens anstatt des Blickes auf das Leben. Ist diese Art der Cleverness bis heute unsere Handlungsstrategie? Bewundern wir das, als geschicktes zielorientiertes Handeln?
Die Kriegslist vorgetäuschter Verhandlungen, der Betrug, als Grundlage gemeinsamen Lebens, muss zu neuen Kriegen führen. Warum verstehen wir nicht, was wir tun?
Gerade höre ich aus dem Fernseher die Lüge, der seit 40 Jahren sofort, umgehend fertiggestellten Atombombe des Irans, mit ernstem Gesicht vorgetragen. Abgesehen davon, dass keinerlei Wahrheitsgehalt in dieser Aussage verborgen war, ist die Selbstverständlichkeit der Lüge, ein Phänomen.
Die manipulative Kraft der Lüge wird von uns geehrt. Es ist nicht einmal mehr das goldene Kalb, um das getanzt wird. Es ist die hohle Macht des Herrschens durch Lüge im Sieg über andere Menschen, die als Ziel postuliert wird.
Das Verschwinden von Wahrheit aus unseren Diskursen zu Gunsten der Glaubwürdigkeit, muss jedes Vertrauen zerstören. Wenn Glaubwürdigkeit, das Ziel ist, ist jede Lüge erlaubt. Doch wir Menschen können nicht vertrauen, wenn keine Logik, keine Sachverhalte etwas bedeuten dürfen.
Warum nur halten wir Europäer und US-Amerikaner das für Stärke und machen kognitive Manipulation zur Strategie und zum Ziel jeden Konfliktes? Warum verachten wir Kulturen, die unseren Glauben an das trojanische Pferd, als clevere Form des Siegens, nicht teilen? Warum lässt das Angebot an scheinbarer Überlegenheit den Wunsch nach Wahrheit, verstummen?
Es ist merkwürdig, welche Kraft Scheherazade und die Wahrheit ihrer literarischen Erzählung besitzt und in welch traurigem Zustand die Wahrheit der Kassandra schon vor langer Zeit durch den Fluch der göttlichen Bewohner des Olympus versetzt wurde.
Kassandra, die schönste Tochter des Priamus, des Königs von Troja, ist Priesterin des Gottes Apollon. Im Drama des Aischylos „Agamemnon“, kehrte der griechische Eroberer Trojas mit seiner geliebten Sklavin Kassandra nach Mykene zu seiner Frau Klytaimnestra zurück und wird dort von ihr und ihrem Geliebten Aigithos gemeinsam mit Kassandra ermordet. Kassandra, die auch ihren eigenen Tod vorhersah, konnte durch das Wissen um die Wahrheit kein Unglück vermeiden helfen. Der Glaube an die eigene Macht, macht ihre Mitmenschen unfähig zu verstehen, was aus ihren Handlungen für Folgen absehbar sind. Warum besitzt der Wunsch, die eigene Person als mächtig zu verstehen, solche Anziehungskraft für uns westliche Eroberer?
Was hindert uns westlich geprägte Menschen, unser zerbrechliches Menschsein zu akzeptieren.
Müssen wir in dümmster Art und Weise ein Reich des Bösen installieren, um mit gutem Gewissen zerstören zu dürfen?
Warum greifen wir an, um Krieg zu erzwingen? Wie viel List ist hier versteckt? Sind Kriminalfilme mit unendlichen Kommissaren das Einzige, was unseren Wunsch nach Wahrheit transportiert?
Warum soll unser Verstand die Wahrheit unseres Kulturversagens nicht sehen dürfen? Warum können wir damit einverstanden sein, immer wieder zu betrügen und betrogen zu werden? Sind wir selbst die Opfer unserer permanenten List? Ich weiß es nicht!
Lizenz: Gabriele Gysi, Free21, CC BY-NC-ND 4.0




